Nicht geächtet – sondern geachtet

Stader Bürger arrangierten Dankesbrief von Bundeskanzler Schröder an NS-Kriegsverbrecher, dessen Vergangenheit lange Jahre ein „offenes Geheimnis“ in der Stadt war. 
von Michael Quelle

Der Stader Bürgermeister Hans-Hermann Ott überbrachte im Juni 2002 dem  Feinkosthändler Gustav Wolters einen persönlichen Brief vom Bundeskanzler. „Gern erinnere ich mich meiner Besuche bei Ihnen“ schrieb Gerhard Schröder und sprach Magda und Gustav Wolters Anerkennung und Dank für deren Lebensleistung aus.
Anlaß des Briefes war die Geschäftsaufgabe des 94 jährigen Kaufmanns.

Gustav Wolters war in Stade ein angesehener Kaufmann. Die Geschäftsräume im stadteigenen Haus, direkt nebem dem Rathaus, waren seit 1931 angemietet und die Geschäftsbeziehungen zur Stadt Stade „waren normal“.

Der Laden wurde allerdings über die Jahrzehnte auch von Stader Bürgern gemieden, da Gustav Wolters, wie ältere Stader wußten, „eine schwere Aufgabe im Osten“ erfüllen mußte.

Alles im Leben tun, an dem man Freude hat – aber in Maßen
(Rezept des 94jährigen Wolters für das Altwerden)

Wolters ist bereits 1933 in die Allgemeine-SS eingetreten. Im März 1940 wurde er zur Waffen-SS nach Krakau eingezogen und versah dann bis September 1940 „Wachdienst“ in Warschau. Im Jahr 1941 wurde er bei der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in Hildesheim eingesetzt, bevor er vom Sommer 1941 bis zum Herbst 1942 beim Polizeireferat des Einsatzkommandos 9 (EK 9) in den besetzten Gebieten der Sowjetunion war. Ab Ende 1942 war Wolters bei der Gestapo in Hannover-Ahlem tätig.

Das Einsatzkommando 9, der Einsatzgruppe B, wurde kurz vor Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion aufgestellt. Geeignete Beamte des Sicherheitsdienstes, der Gestapo, der Ordnungs- und Kriminalpolizei wurden in Polizeischulen zusammengezogen , um sie dort für die vorgesehenen Aufgaben ideologisch und militärisch zu schulen. Die Ermordung der jüdischen Landeseinwohner war die Hauptaufgabe der Einsatzgruppen, sie sollten aber auch politische Kommissare, Kommunisten, Geisteskranke und Zigeuner töten. Das EK 9 ermordete allein in den ersten vier Monaten bis zum 26. Oktober 1941 nach eigenen Angaben 11.449 Juden. In den Prozessen gegen die Kommandierenden des EK 9 mussten in den sechziger Jahren auch Angehörige des Mordkommandos aussagen. DER TAGESSPIEGEL aus West-Berlin berichtete am 24. April 1966: Ein anderer Zeuge danach befragt, auf welche Weise kleine Kinder erschosseen worden seien, erwiderte. „Na, wie die Katz.“ Der Richter starrte ihn an und ersuchte nach einigen Sekunden des Schweigens um nähere Erläuterung. In ruhigen Ton sprach der Zeuge weiter: „Na, sie wurden mit der einen Hand am Genick gepackt und mit der anderen erschossen.“
Gustav Wolters war im Polizeireferat des aus etwa 120 Personen bestehenden EK 9 eingesetzt. Das Referat hatte u.a. die Aufgabe die Juden den jeweiligen Erschießungskommandos zu überstellen, die Opfer der Erschießungen zu registrieren und weiterzumelden. Die Gestapobeamte des Polizeireferates wurden aber auch als Schützen bei Massenerschießungen von Juden herangezogen. Wolters war während seines Einsatzes beim EK 9 nach eigenen Aussagen bei drei Massenerschießungen als Schütze eingesetzt. Etwa November 1942 wurde Wolters zur Gestapo nach Hannover abkommandiert. Im Polizeiersatzgefängnis Hannover-Ahlem führte er „Vernehmungen“ von Zwangsarbeitern durch. Anfang April 1945, wenige Tage vor Kriegsende in Hannover, beteiligte er sich freiwillig an der Erschießung von 154 Zwangsarbeitern auf dem Seelhorster Friedhof in Hannover. Der SS-Scharführer Wolters wurde 1947 für diese Morde zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt, aber bereits im August 1950 entlassen.

In Stade wurde der NS-Täter nach 1945 von vielen nicht geächtet sondern geachtet. Stader Bürger stellten Wolters nach Kriegsende gute Leumundsbescheinigungen aus, bereits im Jahre 1956 wurde er in die mildtätige St. Pankratii Brüderschaft (ein ‚who is who‘ der Stader Gesellschaft) aufgenommen, über Jahrzehnte belieferte der Feinkosthändler das Stader Rathaus und 1994 war er Ehrengast bei der 1000 Jahr Feier der Stadt Stade. Bei Geschäftaufgabe im Jahr 2002 arrangierten Stader Bürger dann den  Dankesbrief von Bundeskanzler Gerhard Schröder an den alten Stader Kaufmann. Ein NS-Täter wurde so als vorbildlicher Bürger dargestellt, obwohl führende Stader Lokal- und Bundespolitiker jahrzehntelang über Wolters NS-Taten informiert waren.

Auch ein Jahr nach der Übergabe des Kanzlerbriefes an den Stader Kaufmann herrscht in Stade ein lautes Schweigen über den Umgang mit dem NS-Täter. Die Mehrzahl der Lokalpolitiker ist zu keiner Stellungnahme bereit,die Lokalpresse schweigt sich aus und die wenigen Kritiker werden öffentlich diffamiert. Das Kanzlerbüro teilte mittlerweile mit, das man die Angelegenheit „mit großem Ernst zur Kenntnis genommen“  hat, unbekannt ist aber, ob der persönliche Brief an den Feinkosthändler zurückgezogen wurde.
Der Feinkosthändler teilte anläßlich der Geschäftsaufgabe über die Tagespresse mit: Wir sind nicht für große Worte und machen von der Schließung kein Theater, wenn die Leute sagen ‚es tut uns leid‘ ist das genug.
Ob Gustav Wolters jemals seine NS-Morde leid taten ist unbekannt.
Stade, den 11.08.2003

Nachträge:

Ein alter Stader Kaufmann
Die Geschäftsräume des Feinkostgeschäftes waren seit 1931 von der Stadt Stade angemietet und seit dieser Zeit gab es normale Geschäftsbeziehungen zur Stadt. Gustav W. war in Stade ein angesehener Bürger. Er wurde 1956 in die St. Pankratii-Brüderschaft aufgenommem und 1994 war er Ehrengast bei der Jubiläumsfeier „1000 Jahre Stade“. Gustav W. verbreitete bei Geschäftsaufgabe im STADER TAGEBLATT noch: Wir sind nicht für große Worte und machen von der Schließung kein Theater, wenn die Leute sagen ‚es tut uns leid‘ ist das genug.

Ein Brief vom Bundeskanzler
Die NEUE STADER – WOCHENBLATT schrieb unter der Überschrift: „Der Bundeskanzler erinnert sich gern“ am 26. Juni 2002 folgendes: In dem von Bundeskanzler Schröder persönlich unterzeichneten Schreiben spricht er Magda und Gustav Wolters Anerkennung und Dank für deren Lebensleistung aus… Gustav Wolters … hat Gerhard Schröder mehrfach getroffen. Zum ersten Mal beim ‚Tag der Niedersachsen‘ in Stade, danach bei allen Schröder-Besuchen in der Schwingestadt.

Mordkommando EK 9
Die NEUE ZEIT aus Berlin-Ost berichtete am 5. Juni 1962 unter der Überschrift „Auch Kleinkinder“ ermordet folgendes über den Prozeß gegen Filbert: Die Mordtaten waren mit bürgerlicher Pedanterie genau reglementiert. Wie der frühere SS-Scharführer Gustav Wolters vom Polizeireferat des Einsatzkommandos 9 – heute wohlbestallter Kaufmann in Stade – aussagte, war der Gang der Dinge folgender: Jeden Abend hing in den Unterkünften der Dienstplan mit den Namen derjenigen aus, die am nächsten Tage an den Mordaktionen teilzunehmen hatten.
DIE WELT aus Hamburg zitierte am 23. Juni 1962 eine Aussage von Richter Meyer anläßlich der Urteilsverkündung: Wir müssen uns von den Gedanken frei machen, das Einsatzkommando neun sei etwa eine Ansammlung eingeschüchterter und verängstigter Uniformträger gewesen, die mit Gewalt und Drohung zur Teilnahme an den Erschießungsaktionen getrieben werden mussten.

Ein abgesagter Vortrag
Der (nicht öffentlich tagende ) Verwaltungsausschuß der Stadt Stade hat am 31. März 2003 mehrheitlich beschlossen, den Vortrag über die Israelitische Gartenbauschule in Ahlem auch zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr durchzuführen und sich auch sonst nicht mehr mit dem Fall Wolters zu beschäftigen.

Schweigen in Stade
In der Einwohnerfragestunde auf der Sitzung des Rates der Stadt Stade am 17. März wurden von zwei Bürgern umfangreiche Fragen zum Umgang der Stadt Stade mit Gustav W. und zur Partnerschaft mit Givat Shmuel (Israel) gestellt. Kaum eine Frage zu Gustav W. wurde vom Bürgermeister Ott beantwortet. Der Bürgermeister warf einen Fragesteller vor, daß er interne Vorgänge in die Öffentlichkeit bringen wolle. Weder das STADER TAGEBLATT noch die NEUE STADER – WOCHENBLATT berichteten über diesen Teil der Einwohnerfragestunde.
Eine Pressemitteilung der Ratsfrau Silke Hemke zur Verwaltungsausschußsitzung am 31. März 2003 mit der Überschrift „NS-Täter und der Wunsch nach dem Schlußstrich“ fand in der NEUEN STADER – WOCHENBLATT keine Erwähnung und wurde im STADER TAGEBLATT, ohne Hintergrundinformationen, nur teilweise veröffentlicht.
Das laute Schweigen über den Stader NS-Täter hält, mit wenigen Ausnahmen, weiter an.